Verlag Landpresse (www.verlag-ralf-liebe.de), Weilerswist 2005. 95 Seiten, geb., € 19,-

 Anton G. Leitner - Axel Kutsch, der von sich selbst behauptet, er habe »keinen Zugang zur Sinnwerkstatt«, versammelt in Ikarus fährt Omnibus etliche Gedichte über Gedichte. Autopoetische Statements, besonders wenn sie in Versform artikuliert werden, lassen schnell den Verdacht aufkeimen, einem Lyriker wäre der Stoff ausgegangen. Oskar Loerke hat seine Skepsis einmal so formuliert: »Manche Poeten laufen nur hinterm Pegasus her und sammeln die Roßäpfel auf«. Kutsch aber legt die Karten auf den Tisch, wenn er in Versform demonstriert, »Was Gedichte dürfen«: »In diesem Gedicht sehen Sie / einen Eisberg versinken / und die Passagiere der Titanic / auf den Untergang trinken«, schreibt er, und wir sehen vor unserem geistigen Auge Leonardo DiCaprio auf der Titanic das Glas heben. Während Eisberge und -würfel versinken, schmilzt Kate Winslet dahin. Auch bei Kutsch taucht jenes untergangserprobte Traumpaar auf, dieses Mal in den Schilderungen der Titanic-Passagiere, die allesamt unversehrt im Zielhafen eingelaufen sind: »Nach der Ankunft erzählen sie / ihren Verwandten froh: / Stellt euch vor, wir reisten mit / Kate Winslet und Leonardo DiCaprio«. Die lieben Verwandten sind »sichtlich betroffen« vom guten Ausgang der Reise. »Ihr seid hier in New York / und nicht abgesoffen?«, rufen sie. »So ist es, wenn Eisberge / im Wege steh’n: / In Gedichten läßt / man sie untergeh’n«, lautet die Moral von dem Gedicht. Und Kutsch zeigt mit diesen vier Strophen nicht nur, »was Gedichte dürfen«, sondern auch, was sie können: Die Wirklichkeit mit wenigen Worten auf den Kopf stellen.

 

Berlin Verlag (www.berlinverlage.de), Berlin 2007. 88 Seiten, geb., € 16,-

Gabriele Trinckler - Leider gibt es heute nur wenige Autoren, die sich kollegial um die Verbreitung zeitgenössischer Lyrik verdient machen. Der Wahlberliner Jan Wagner (Jahrgang 1971) ist einer von ihnen. Zusammen mit Björn Kuhligk edierte er u. a. die beiden Anthologien »Lyrik von jetzt«, Bd. 1 und 2. Damit schuf er ein viel beachtetes Forum für die junge deutschsprachige Poesie.

Jetzt ist im Berlin Verlag sein dritter eigener Gedichtband ACHTZEHN PASTETEN erschienen. In fünf Kapiteln beweist Jan Wagner, dass er nicht nur zu den engagiertesten Lyrikern seiner Generation zählt, sondern auch zu den technisch versiertesten. Mit scheinbarer Leichtigkeit variiert er verschiedenste Gedichtformen und Reimschemata. Zugunsten des erzählerischen Flusses gibt er oft Endreimen durch Alliterationen (z. B. »hörer« - »hurra«) oder Assonanzen (z. B. »weberschiffchen« - »chiffren«) den Verzug gegenüber reinen Reimen. Bei aller ›handwerklicher‹ Brillanz bleibt Wagner im Ton erfreulich unprätentiös. Verse, Zitate aus Briefen oder Tagebüchern, historische Ereignisse, ja selbst Menüfolgen dienen als Impulsgeber für seine Exkursionen in lyrische Landschaften. Mal schlüpft er in Houdinis Haut (»houdini im spiegel«) oder begegnet Bertolt Brecht auf einer Party in L. A. (»hollywoodelegie«), dann wieder liegt er im hohen Savannengras, um ein »nashorn« zu beobachten. Oder er zeichnet Szenarios, die sich aus den extravaganten Namen von »achtzehn pasteten« speisen und den Mittelpunkt des Bandes bilden. Immer sind seine Texte geprägt von großem Einfühlungsvermögen und jener genauen Beobachtungsgabe, die auch kleinste Details fokussiert.

In Jan Wagners Gedichten bleibt es oft ununterscheidbar, welche Passagen seiner Vorstellungskraft entsprungen sind und welche auf persönlichem Erleben basieren. Jeder Vers suggeriert Authentizität und wirkt durch und durch glaubwürdig.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 145

 

Verlag Voland & Quist (www.voland-quist.de), Dresden und Leipzig 2008.
Buch (93 Seiten) mit Audio-CD, € 12,80

Gabriele Trinckler - Wer daheim im 4. Stock mithilfe von Computer und Akustikgitarre eine Musik-CD aufnimmt und produziert, muss mutig sein. Wer große Feuilletons oder Fachmagazine dann auch noch dazu bringt, das Ergebnis einhellig zu bejubeln, dem ist alles zuzutrauen. Genau das gelang der Augsburgerin Lydia Daher (Jahrgang 1980) mit ihrem Album »lydia daher« (trikont, 2007). Ihre Songs leben von bissigen und intelligenten »lyrics«; nicht ohne Grund gilt sie derzeit als eine der erfolgreichsten Performance-Poetinnen Deutschlands.

Im Frühjahr 2008 legte sie ihren neuen Lyrikband KEIN TAMTAM FÜR DIESEN TAG vor. Mit Voland & Quist hat sie einen Verlag gefunden, der es sich seit 2004 zur Aufgabe macht, deutschsprachigen Spoken-Word-Poeten mit sorgfältig edierten Bänden (immer mit CD) ein entsprechende ›Bühne‹ im Printbereich zu schaffen.

Dahers neue Gedichte sind Szenen aus dem Limbus der Twens. Erbarmungslos gegen sich selbst und andere projiziert sie einen Zeit-Raum, in dem juvenile Wunschträume in der ernüchternden Realität des Erwachsenenlebens verschwinden. Zwischen jugendlicher Aufbruchsstimmung und resignativer Abgeklärtheit werden Beziehungen, Zähne oder Schwäne zerrieben. Prägnante Detailbeschreibungen und poppige Bilder spiegeln das Lebensgefühl einer ganzen Generation wider. Gern bezieht Lydia Daher Wortneuschöpfungen in ihr Sprachspiel ein. Sie rebelliert gegen die »verdrohung der jugend«. Und wenn das Selbstwertgefühl im »sickergrübeln« zu versacken droht, lautet ihr Rat: »wirf ein paar cent in die jokebox / und wünsch dir ein lächeln«, denn »auch leonard cohen wird nicht / im schneidersitz sterben«.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 123

 

dtv - Deutscher Taschenbuch Verlag (www.dtv.de), München 2008.
121 Seiten, € 8,90

Anton G. Leitner - Als Lyriker hat Wolf Wondratschek eine Traumkarriere hingelegt. Mitte der 70er-Jahre begann er, im Selbstverlag eine Serie von einfach aufgemachten Gedichtbänden zu publizieren. Sie trugen Titel wie »Das leise Lachen am Ohr eines andern« und umkreisten überwiegend ›Love, Sex and Crime‹ in allen Spielarten.

Wondratschek hatte damals in einem genialen Coup den links-alternativen Frankfurter Versand Zweitausendeins gewinnen können, seine Gedichtbände exklusiv zu vertreiben; sie verkauften sich dort wie warme Semmeln. Der eingangs zitierte Titel erschien 1976 und war 1981 bereits in der 18. Auflage.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen mehr Leute ihre eigenen Gedichte publizieren als die von anderen lesen. Und auch der alte Wolf wird langsam grau mit seinen 65 Jahren. An die frühen Verkaufserfolge kann er nicht mehr anknüpfen, aber noch immer verehren ihn viele aus der Generation Ü 50 als Kultautor. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ein Premium-Verlag wie dtv Wondratscheks Werkausgabe besorgt. Im Rahmen dieser Edition liegen jetzt unter dem Titel LIED VON DER LIEBE all jene Liebesgedichte vor, die abseits seiner Gedichtzyklen entstanden sind. Darüber hinaus haben auch einige neue Texte Eingang in den Band gefunden. Die Auswahl bietet einen guten Überblick, wie sich Wondratschek lyrisch an Herzen und Schmerzen abarbeitet. Gedichttitel wie »Hölderlin und die Huren« spiegeln sein romantisch-verklärtes Verhältnis zum Rotlichtmilieu, aber auch den typisch lässigen Sound seiner Verse wider. Wenn Skeptiker sein »Liebesgedicht auf die Mädchen, die keiner liebt« lesen, werden sogar sie sich vielleicht einfangen lassen vom herben Charme dieses dichtenden Machos alter Schule: »Schön war keine. Und keine hatte Idealgewicht. / Und ihre Unterwäsche war nie was Besonderes. Aber // es gibt Stunden, wo es guttut, an sie zu denken«.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 146

 

Aufbau-Verlag (www.aufbau-verlag.de), Berlin 2006.
155 Seiten, geb., € 17,90

Anton G. Leitner - »Wir kommen / auf die Welt / um zuzuschauen / wie wir / vorbei / gehen«, schreibt der Berliner Dichter Mario Wirz. Denn das Leben ist ein großes »Theater« und ab der Geburt spielen wir unsere Rolle als Akteure und Zuschauer in der eigenen Vorstellung, bis der Vorhang überraschend fällt.

Wirz (Jahrgang 1956) legt mit STURM VOR DER STILLE einen bibliophil gestalteten Gedichtband im handlichen Format vor, der eine Reihe von Widmungsgedichten versammelt (den eingangs zitierten Text eignet er dem Lyrikerkollegen Richard Pietraß zu). Er liebt es, »tollkühn«, als sterblicher »Gott unter Göttern«, auf realen oder virtuellen Wellen zu surfen.

Aus seiner HIV-Infektion hat Mario Wirz nie einen Hehl gemacht. Seine Lyrik und Prosa bezeugen, mit welcher Kraft sich dieser mutige Autor den Herausforderungen der unheilbaren Krankheit stellt. Den Tod verliert er nur selten aus dem poetischen Blick; im Gedicht »Internetleben« kann er ihn sogar »mit einer Taste« löschen.

Wirz gelingt das große Kunststück, mit einfachen Worten existentielle Themen zu verdichten. Bei einem Freigeist wie ihm »bleiben alle Türen« unverriegelt. Und »auch die Fenster« öffnet er, »dankbar den Dieben / die mich von den Dingen / befreien.« Insbesondere aber dankt er allen Freunden und Lesern mit vitalen Versen dafür, am Leben zu sein - als Liebender, der geliebt wird.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008),
S. 145 f.