Archiv des Autors: Anton G. Leitner

Verlag Landpresse (www.verlag-ralf-liebe.de), Weilerswist 2005. 95 Seiten, geb., € 19,-

Anton G. Leitner - Axel Kutsch, der von sich selbst behauptet, er habe »keinen Zugang zur Sinnwerkstatt«, versammelt in Ikarus fährt Omnibus etliche Gedichte über Gedichte. Autopoetische Statements, besonders wenn sie in Versform artikuliert werden, lassen schnell den Verdacht aufkeimen, einem Lyriker wäre der Stoff ausgegangen. Oskar Loerke hat seine Skepsis einmal so formuliert: »Manche Poeten laufen nur hinterm Pegasus her und sammeln die Roßäpfel auf«. Kutsch aber legt die Karten auf den Tisch, wenn er in Versform demonstriert, »Was Gedichte dürfen«: »In diesem Gedicht sehen Sie / einen Eisberg versinken / und die Passagiere der Titanic / auf den Untergang trinken«, schreibt er, und wir sehen vor unserem geistigen Auge Leonardo DiCaprio auf der Titanic das Glas heben. Während Eisberge und -würfel versinken, schmilzt Kate Winslet dahin. Auch bei Kutsch taucht jenes untergangserprobte Traumpaar auf, dieses Mal in den Schilderungen der Titanic-Passagiere, die allesamt unversehrt im Zielhafen eingelaufen sind: »Nach der Ankunft erzählen sie / ihren Verwandten froh: / Stellt euch vor, wir reisten mit / Kate Winslet und Leonardo DiCaprio«. Die lieben Verwandten sind »sichtlich betroffen« vom guten Ausgang der Reise. »Ihr seid hier in New York / und nicht abgesoffen?«, rufen sie. »So ist es, wenn Eisberge / im Wege steh’n: / In Gedichten läßt / man sie untergeh’n«, lautet die Moral von dem Gedicht. Und Kutsch zeigt mit diesen vier Strophen nicht nur, »was Gedichte dürfen«, sondern auch, was sie können: Die Wirklichkeit mit wenigen Worten auf den Kopf stellen.

dtv - Deutscher Taschenbuch Verlag (www.dtv.de), München 2008.
121 Seiten, € 8,90

Anton G. Leitner - Als Lyriker hat Wolf Wondratschek eine Traumkarriere hingelegt. Mitte der 70er-Jahre begann er, im Selbstverlag eine Serie von einfach aufgemachten Gedichtbänden zu publizieren. Sie trugen Titel wie »Das leise Lachen am Ohr eines andern« und umkreisten überwiegend ›Love, Sex and Crime‹ in allen Spielarten.

Wondratschek hatte damals in einem genialen Coup den links-alternativen Frankfurter Versand Zweitausendeins gewinnen können, seine Gedichtbände exklusiv zu vertreiben; sie verkauften sich dort wie warme Semmeln. Der eingangs zitierte Titel erschien 1976 und war 1981 bereits in der 18. Auflage.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen mehr Leute ihre eigenen Gedichte publizieren als die von anderen lesen. Und auch der alte Wolf wird langsam grau mit seinen 65 Jahren. An die frühen Verkaufserfolge kann er nicht mehr anknüpfen, aber noch immer verehren ihn viele aus der Generation Ü 50 als Kultautor. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ein Premium-Verlag wie dtv Wondratscheks Werkausgabe besorgt. Im Rahmen dieser Edition liegen jetzt unter dem Titel LIED VON DER LIEBE all jene Liebesgedichte vor, die abseits seiner Gedichtzyklen entstanden sind. Darüber hinaus haben auch einige neue Texte Eingang in den Band gefunden. Die Auswahl bietet einen guten Überblick, wie sich Wondratschek lyrisch an Herzen und Schmerzen abarbeitet. Gedichttitel wie »Hölderlin und die Huren« spiegeln sein romantisch-verklärtes Verhältnis zum Rotlichtmilieu, aber auch den typisch lässigen Sound seiner Verse wider. Wenn Skeptiker sein »Liebesgedicht auf die Mädchen, die keiner liebt« lesen, werden sogar sie sich vielleicht einfangen lassen vom herben Charme dieses dichtenden Machos alter Schule: »Schön war keine. Und keine hatte Idealgewicht. / Und ihre Unterwäsche war nie was Besonderes. Aber // es gibt Stunden, wo es guttut, an sie zu denken«.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 146

Aufbau-Verlag (www.aufbau-verlag.de), Berlin 2006.
155 Seiten, geb., € 17,90

Anton G. Leitner - »Wir kommen / auf die Welt / um zuzuschauen / wie wir / vorbei / gehen«, schreibt der Berliner Dichter Mario Wirz. Denn das Leben ist ein großes »Theater« und ab der Geburt spielen wir unsere Rolle als Akteure und Zuschauer in der eigenen Vorstellung, bis der Vorhang überraschend fällt.

Wirz (Jahrgang 1956) legt mit STURM VOR DER STILLE einen bibliophil gestalteten Gedichtband im handlichen Format vor, der eine Reihe von Widmungsgedichten versammelt (den eingangs zitierten Text eignet er dem Lyrikerkollegen Richard Pietraß zu). Er liebt es, »tollkühn«, als sterblicher »Gott unter Göttern«, auf realen oder virtuellen Wellen zu surfen.

Aus seiner HIV-Infektion hat Mario Wirz nie einen Hehl gemacht. Seine Lyrik und Prosa bezeugen, mit welcher Kraft sich dieser mutige Autor den Herausforderungen der unheilbaren Krankheit stellt. Den Tod verliert er nur selten aus dem poetischen Blick; im Gedicht »Internetleben« kann er ihn sogar »mit einer Taste« löschen.

Wirz gelingt das große Kunststück, mit einfachen Worten existentielle Themen zu verdichten. Bei einem Freigeist wie ihm »bleiben alle Türen« unverriegelt. Und »auch die Fenster« öffnet er, »dankbar den Dieben / die mich von den Dingen / befreien.« Insbesondere aber dankt er allen Freunden und Lesern mit vitalen Versen dafür, am Leben zu sein - als Liebender, der geliebt wird.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008),
S. 145 f.

Mit Fotografien von Göstav Dirk Steglich.
Edition Thaleia (www.edition-thaleia.de), St. Ingbert 2007.
145 Seiten, € 13,-

Anton G. Leitner - Es gibt schon »zu viele dichter / mit sehnsucht / nach der notaufnahme«, aber wer wie Maik Lippert seine Kindheit und Jugend in Kleinfahner bei Erfurt verbracht hat und später Ökonomie in Moskau studierte, gehört sicher nicht zu dieser Spezies. Er musste zuallererst einmal den sozialistischen Alltag bewältigen, d. h. (Über-)Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs »organisieren«. Trotz solcher zeitraubenden Aufgaben hat sich Lippert als Held des Alltags Humor und Sprachwitz bewahrt und zeigt ein erstaunliches Organisationstalent auch im poetischen Bereich. So gelingt es ihm vortrefflich, seine Vorliebe für eine krumme Frucht von der DDR ins wiedervereinigte Deutschland hinüberzuretten: »z. b. bananen / esse ich noch immer / am liebsten überreif / wie damals«. Beim herzhaften »biss ins mark« denkt dieser Lyriker nicht sofort an die geschwollenen Hände der Pflückerin »juanita« und auch nicht an »ihren vater miguel«, sondern freut sich zunächst »gewissenlos« am Kaugenuss.

Politisch korrekte Botschaften in moralinsaure Verse zu verpacken ist Lipperts Sache nicht, aber gerade dies macht den natürlichen Charme und Frischefaktor seiner Gedichte aus. Und so dürfen ihn Leser zum »S-Bahnhof Griesheim bei Dunkelheit« begleiten oder ins »Café Atlantic«: »sieh doch die zwei / wie sie händchen halten / zwei tische vor uns / der junge mit der kapuzen-sweatjacke / das mädchen ganz miss / petrolio«. Der lyrische Ich-Erzähler hat noch den Geschmack von Möhrensuppe und Ingwer im Mund. In Kombination mit der vorher beobachteten Flirtszene animiert ihn dieses Aroma, sich selbst seiner Liebsten zuzuwenden: »so streich ich dir übers shirt / deine brustwarzen fühlen sich spröde / an / wie trockenerbsen«.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008),
S. 134 f.

ars vivendi verlag (www.arsvivendi.com), Cadolzburg 2007.
94 Seiten, € 12,90

Anton G. Leitner - New Orleans liegt am Mississippi und durch Nürnberg fließt die Pegnitz. Aus New Orleans kommt der Blues und aus Nürnberg Fitzgerald Kusz. Und ihm fließt Blues aus der Schreibhand. MUGGN heißt sein elfter Gedichtband.

Kusz hat schon so manche Mücke aber auch ausgewachsene Elefanten mit seiner lyrischen Klappe erschlagen. Er schaut dem Volk aufs Maul, ohne ihm nach dem Mund zu dichten. Ein Aufmucker wie er weiß genau, dass letztendlich der Ober den Unter sticht. Selbst ein »underdog« sucht sich jemand, den er abrichten kann (»jeds klanne werschdlä / find enn hund / wouä abrichdn koo«).

Kusz liebt den lautmalerischen Nürnberger Dialekt und verewigt ihn geschickt in seiner O-Ton-Lyrik. Auch Menschen aus anderen Dialektregionen und sogar strenge Verfechter des Hochdeutschen können eine wahre Freude an der Übersetzung der Kusz’schen Verse in ihre ›Sprache‹ finden. Als Belohnung winkt ein Ohrenschmaus, weil die herbe Melodik des Nürnbergerischen im Kopf nachklingt und ständig zum lauten Nachsprechen animiert: »zier di ned / dou ned lang rum / schdell di ned su oo / drucks ned rum / sooch wosd zum soong hasd«.

Fitzgerald Kusz ist ein großer Mund-Art-Lyriker und dichtet auf Augenhöhe mit seinen Kollegen der Wiener Gruppe, allen voran H. C. Artmann und Ernst Jandl.

Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 134.