
Mit Fotografien von Göstav Dirk Steglich.
Edition Thaleia (www.edition-thaleia.de), St. Ingbert 2007.
145 Seiten, € 13,-
Anton G. Leitner - Es gibt schon »zu viele dichter / mit sehnsucht / nach der notaufnahme«, aber wer wie Maik Lippert seine Kindheit und Jugend in Kleinfahner bei Erfurt verbracht hat und später Ökonomie in Moskau studierte, gehört sicher nicht zu dieser Spezies. Er musste zuallererst einmal den sozialistischen Alltag bewältigen, d. h. (Über-)Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs »organisieren«. Trotz solcher zeitraubenden Aufgaben hat sich Lippert als Held des Alltags Humor und Sprachwitz bewahrt und zeigt ein erstaunliches Organisationstalent auch im poetischen Bereich. So gelingt es ihm vortrefflich, seine Vorliebe für eine krumme Frucht von der DDR ins wiedervereinigte Deutschland hinüberzuretten: »z. b. bananen / esse ich noch immer / am liebsten überreif / wie damals«. Beim herzhaften »biss ins mark« denkt dieser Lyriker nicht sofort an die geschwollenen Hände der Pflückerin »juanita« und auch nicht an »ihren vater miguel«, sondern freut sich zunächst »gewissenlos« am Kaugenuss.
Politisch korrekte Botschaften in moralinsaure Verse zu verpacken ist Lipperts Sache nicht, aber gerade dies macht den natürlichen Charme und Frischefaktor seiner Gedichte aus. Und so dürfen ihn Leser zum »S-Bahnhof Griesheim bei Dunkelheit« begleiten oder ins »Café Atlantic«: »sieh doch die zwei / wie sie händchen halten / zwei tische vor uns / der junge mit der kapuzen-sweatjacke / das mädchen ganz miss / petrolio«. Der lyrische Ich-Erzähler hat noch den Geschmack von Möhrensuppe und Ingwer im Mund. In Kombination mit der vorher beobachteten Flirtszene animiert ihn dieses Aroma, sich selbst seiner Liebsten zuzuwenden: »so streich ich dir übers shirt / deine brustwarzen fühlen sich spröde / an / wie trockenerbsen«.
Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008),
S. 134 f.

ars vivendi verlag (www.arsvivendi.com), Cadolzburg 2007.
94 Seiten, € 12,90
Anton G. Leitner - New Orleans liegt am Mississippi und durch Nürnberg fließt die Pegnitz. Aus New Orleans kommt der Blues und aus Nürnberg Fitzgerald Kusz. Und ihm fließt Blues aus der Schreibhand. MUGGN heißt sein elfter Gedichtband.
Kusz hat schon so manche Mücke aber auch ausgewachsene Elefanten mit seiner lyrischen Klappe erschlagen. Er schaut dem Volk aufs Maul, ohne ihm nach dem Mund zu dichten. Ein Aufmucker wie er weiß genau, dass letztendlich der Ober den Unter sticht. Selbst ein »underdog« sucht sich jemand, den er abrichten kann (»jeds klanne werschdlä / find enn hund / wouä abrichdn koo«).
Kusz liebt den lautmalerischen Nürnberger Dialekt und verewigt ihn geschickt in seiner O-Ton-Lyrik. Auch Menschen aus anderen Dialektregionen und sogar strenge Verfechter des Hochdeutschen können eine wahre Freude an der Übersetzung der Kusz’schen Verse in ihre ›Sprache‹ finden. Als Belohnung winkt ein Ohrenschmaus, weil die herbe Melodik des Nürnbergerischen im Kopf nachklingt und ständig zum lauten Nachsprechen animiert: »zier di ned / dou ned lang rum / schdell di ned su oo / drucks ned rum / sooch wosd zum soong hasd«.
Fitzgerald Kusz ist ein großer Mund-Art-Lyriker und dichtet auf Augenhöhe mit seinen Kollegen der Wiener Gruppe, allen voran H. C. Artmann und Ernst Jandl.
Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 134.

edition lichtung, lichtung verlag (www.lichtung-verlag.de), Viechtach 2008.
79 Seiten, € 9,90
Anton G. Leitner - Das 21. Jahrhundert könnte als jene traurige Epoche in die Geschichtsbücher eingehen, in der sich alle Menschen dem Wirtschaftlichkeitsprinzip unterwerfen mussten. Wir sind Zeitzeugen, wie »Marons und Kleists Paradies« im Ramsch, d. h. »Altpapier«, landen, weil sie sich nicht im knapp kalkulierten Zeitraum verkaufen und als ›Ladenhüter‹ zu viel kostbare Regalfläche blockieren. Gottlob gibt es noch einzelne gallische Dörfer bzw. Buchhandlungen, deren Bewohner / Inhaber sich ideenreich und tapfer gegen gleichmacherische Konzentration und feindliche Übernahmen wehren. Zu dem Fähnlein der Aufrechten gehört auch die 1953 geborene Kelheimer Buchhändlerin Margarete Heiß.
IN DEN RÜCKEN SCHREIBEN heißt ihr zweiter Gedichtband und dessen Lektüre vermittelt etwas von der Freude, die Heiß selbst beim Lesen empfindet. Sie weiß, dass die Vertreibung aus dem Kleist’schen Paradies droht. Davon unbeeindruckt genießt sie die »Theweleitschen Klugheiten« der »Wortfummler« genauso wie roten »Tee mit Orange / ein Stück Speck« oder »Meerrettich«. Die Heiß’schen Verse kreisen im Allgemeinen um Liebe, Natur und Kulinarisches, im Besonderen um Geburt, Donaufrösche, Kräuter, Spiritualität und Männer. Auf den Speck folgt »eine Seite Ungaretti« und nach der »Herzflocke« kommen die »Winterreifen«.
Margarete Heiß widmet sich den geistigen Bedürfnissen, ohne dabei die sinnlich-körperlichen Genüsse zu vernachlässigen. Diese eigenwillige Kombination aus Luftigem und Bodenständigen macht den Reiz ihrer Lyrik aus: »Nicht mille nebelige / nicht großherrlich novemberliche / nur einen kleinen dornenrösigen / zwecks der Erlösung / un bacio solo« (»Der Friederike und Catull«).
Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 128.

Herausgegeben von Axel Sanjosé und Richard Dove.
Landpresse, Verlag Ralf Liebe (www.verlag-ralf-liebe.de). Weilerswist 2007.
144 Seiten, € 10,-
Anton G. Leitner - »Ein Tisch, ein Stuhl, ein Leben // was davon wird verweilen, kurz / als gehöre es uns?«, fragte sich Jürgen Dziuk in einem Gedicht. Fast scheint es, als hätte schon beim Verfassen solcher Verse eine Todesahnung mitgeschwungen. Dziuk konnte das Erscheinen seiner Lyriksammlung WAS BLEIBT IST FERNE nicht mehr erleben. Er erlag im September 2004 in Kuala Lumpur mit 44 Jahren einer schweren chronischen Krankheit.
Jürgen Dziuk hat rund 180 Gedichte hinterlassen, von denen etwa zwanzig zu Lebzeiten veröffentlicht wurden. Als Student engagierte er sich Mitte der 80er-Jahre in der »Initiative Junger Autoren« (München). Schon damals begeisterte ihn die fernöstliche Kultur; er studierte Sinologie und unternahm längere Asienreisen. Vor diesem Hintergrund entstanden auch zarte Haikus, in denen Natur- und Liebeserfahrungen miteinander korrespondieren: »Ein warmer Schauer / flackert durch meinen Körper / Lippenmenuett« oder »Bäume atmen sanft - / haben sie etwa Angst den / Wind zu vertreiben«.
Dziuk übersiedelte 1993 nach Malaysia, wo er bis zu seinem Tod für einen deutschen Konzern arbeitete. Während Autorenkollegen aus Münchner Zeiten wie Friedrich Ani oder Michael Lentz erfolgreich auf eine Künstlerkarriere setzten, zahlte Dziuk für den Wechsel ins Exportgeschäft einen hohen Preis. Mit dem Rückzug aus der Literaturszene versiegte seine lyrische Produktion fast vollständig. Kurz vor dem Tod suchte er wieder Kontakt zu früheren Schriftstellerfreunden. Zwei von ihnen, Axel Sanjosé und Richard Dove, haben sein schmales lyrisches Werk der Nachwelt erhalten. Sie besorgten die Edition sorgfältig, mit wissenschaftlicher Akribie. Bei der Gedichtauswahl konzentrierten sie sich vor allem auf Texte, die nach 1987 entstanden sind. Darunter befindet sich auch Dziuks poetische »Annäherung an das Wesen der Lyrik«: »so als wären diese Worte noch / in Bewegung, als tauchten sie auf / aus dem Weißgrund des Papiers / zu schwach um sich im Formlosen / halten zu können«.
Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 124.

Verlag Voland & Quist (www.voland-quist.de), Dresden 2006.
Audio-CD mit 28 Seiten Textbuch, geb., € 13,90
Anton G. Leitner - »Ich hab ein Buch rausgebracht und find mich jetzt noch intellektuellerer / als der von mir hochgeschätzte Kollege Walter Höllerer«, reimt Bas(tian) Böttcher, der einst angetreten war, die Bühnen hiesiger Poetry Slams zu erobern. Im anzitierten Gedicht »Der stolze Literat« sollen junge Lyrikerkollegen als eitle Taktiker geoutet werden. Aber Böttcher ist ein Lamm im Wolfspelz. Denn bereits auf der gegenüberliegenden Seite praktiziert er eine literaturbetriebsübliche Unterwerfungsgeste: Er dankt dort devot u. a. dem Literarischen Colloquium Berlin, das einst Walter Höllerer gegründet hatte. Eigentlich könnte der 1974 geborene Bremer, der heute in Berlin lebt, getrost auf solche Anbiederungsstrategien verzichten, denn er ist der erste international beachtete Bühnenpoet, den die deutsche Slamszene hervorgebracht hat.
Im Textbuch des Audio-Print-Projekts DIES IST KEIN KONZERT hegt Böttcher Zweifel an der Abdruckwürdigkeit seiner Gedichte. Sie seien nämlich »primär für den Vortrag verfasst« worden. Da alle von ihm selbst rezitierte Lyrik auch schwarz auf weiß mitgeliefert wird, kann sich der Leser / Hörer sein eigenes Urteil bilden. Wenn Böttcher in seiner »Liebeserklärung an eine Chinesin« mit unverwechselbarer Stimme Verse wie »Ich belager dein Terrain mit nem Manga inner Hand und / bring aus’m Lamäng ein paar Poeme« rezitiert, tut er es in einem der chinesischen Sprache nachempfundenen Singsang. Allein schon wegen des Vortrags dieses einen Gedichts lohnt sich die Anschaffung der CD. Denn zweifellos drückt dieser moderne Minnesang das Lebensgefühl der »Generation Twingo« aus: »Denn wenn dein Twingo vorm Bungalow einbiegt, / liegt ein feines Buket Gladiolen im Gang«.
Quelle: DAS GEDICHT, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Bd. 16 (Weßling, Oktober 2008), S. 122.